Die Kern-Erkenntnis aus dem wirklich empfehlenswerten Buch The Wisdom of Crowds von James Surowiecki lautet, dass Entscheidungen durch viele, möglichst voneinander unbeeinflusste Menschen bessere Ergebnisse liefern als solche, die lediglich durch einzelne Experten erfolgen. Schon Francis Bacon erkannte, dass der Schlüssel zum wissenschaftlichen Fortschritt in der Zusammenarbeit möglichst vieler Wissenschaftler liegt. Das lässt sich natürlich sinngemäß auf Erkenntnis-/Lösungs-Prozesse im Unternehmens-Kontext übertragen.Das Argument von James Surwiecki lautet einleuchtend, dass die Fülle an Erfahrungen einer Vielzahl von Mitarbeitern, die bewusst und unbewusst bei der Entscheidungsfindung einfließen, einer einzelnen Person niemals zu Verfügung stehen kann.
Vom Mythos des weitsichtigen CEO, der mit sicherer Hand das Unternehmen lenkt, gilt es hier Abschied zu nehmen. Im Sinne von “Wisdom of Crowds” ist es keineswegs ausreichend, wenn in dutzenden Gremien und auf unterschiedlichen Führungsebenen eine Thematik diskutiert wird und dann eine oder wenige Personen der Unternehmensspitze mit scheinbar “sicherer Hand” entscheiden wollen. Es geht hier um eine echte Delegation der Entscheidungsgewalt an die “Massen”. (Natürlich sollen nicht alle Mitarbeiter bei allem mitreden, sondern nur dort wo sie “involviert” sind. Siehe “The Wisdom of Crowds”)
Ich glaube, dass das Akzeptieren dieses neuen Führungsverständnis korreliert mit den Widerständen, die der Einführung von Enterprise 2.0 in Unternehmen entgegen gesetzt wird. Die besten CEOs der Zukunft werden jene sein, die es schaffen, Ihre Entscheidungen wirklich an eine möglichst große Zahl für die Entscheidung relevante Mitarbeiter zu delegieren.
“Diejenigen, die sich nicht auf neue Methoden einlassen, müssen immer wieder mit den alten Unzulänglichkeiten rechnen.” (Of Innovations, Esseys, Francis Bacon, 1625)


Hallo!
Ich finde diesen Artikel sehr gut. Ich bin ebenfall der Meinung, dass die technischen Aspekte bei E2.0 eher im Hintergrund stehen (sollten) und das Umdenken in den Organisationen der wesentliche Faktor ist.
"Wissen ist Macht" (ebenfalls Francis Bacon) war jahrelang die Devise. Die Entscheidungskette wurde klar von "oben" nach "unten" gezogen, vom Wissenden zum Weniger-Wissenden. Typische Führungskräfte haben sich durch ihr Mehr-Wissen von den anderen Mitarbeitern abgesetzt.
Heutzutage – und insbesondere in der IT – ist diese klare Wissenshierarchie nicht mehr gegeben. Der Mitarbeiter weiß in vielen Details mehr als sein Vorgesetzter. Aber auch der Bürger kann näher an den realen Problemen sein, als sein politischer Vertreter.
(Anmerkung: Wissen sollte in diesem Zusammenhang nicht mit Erfahrung verwechselt werden).
Hier muss das Umdenken einsetzen. Es darf nicht die Angst leiten, was in einem E2.0 alles passieren, sondern es muss die Chance gesehen, was alles möglich werden kann.
Die Motiviation von Mitarbeitern, deren aktive Mitarbeit und deren Kreativität sind unbezahlbare Assets für ein Unternehmen. Es funktionert nicht ohne Steuerung, aber oft viel besser als vorab befürchtet. Ich habe mehrmals erlebt, dass Initiativen schon vor deren Start aus zu großer Vorsicht wieder eingestellt wurden.
E2.0 ist dafür kein Allheilmittel, aber eine zeitgemäße Umsetzungsform für moderne Unternehmen, die das gruppendynamische und systemische Potential ihrer Organisation nutzen wollen.
LG
markus k.
In der Wissenschaft hilft das vernetzte Wissen einer einzelnen Person, die nächste wissenschaftliche Erkenntnis zu finden, die aber im Unterschied zur Wirtschaft einem Absolutheitsanspruch genügt. Jeder kann in eigenen Experimenten die Korrektheit der neuen Idee überprüfen.
Im Unterschied zu einem Unternehmen fehlt dieses Maß. Hier mehr Vertrauen der Hierarchie notwendig, dass weniger Regeln nicht einem Respektverlust gleich kommen.
> dass Entscheidungen durch viele,
> möglichst voneinander unbeeinflusste
> Menschen bessere Ergebnisse liefern
> als solche, die lediglich durch
> einzelne Experten erfolgen
… das stimmt aber nicht immer und ist ganz besonders falsch, je spezialisierter (je enger) das Fachgebiet ist, in dem eine Frage zu beantworten ist.
Beispiele: Mathematik (Fermatsches Theorem: Ist das wahr oder falsch – wie wollte eine "Crowd" das entscheiden?) oder Physik (Gibt's das Higgs-Boson?) oder Klimaerwärmung (Wird's jetzt wirklich wärmer oder nicht?).
Andererseits gibt es sehr viele Entscheidungen, die LOKAL oder auch durch CROWDS viel besser entschieden werden können. Friedrich A. von Hayek hat schon in 1943 wider den überbordenden Zentralismus (der heute v.a. in den Unternehmen überhand nimmt) gewettert. Hayek hat auch sehr sauber herausgearbeitet, wann lokale Entscheidungen besser sind als zentrale: Nämlich immer dann, wenn die Zentrale nicht vollständige Information besitzt.
Mich würde interessieren, ob das Surowiecki auch heraus gearbeitet hat.
Vielleicht ist das ja ein Grund für mich, das Buch auch zu lesen.
Hast du einen Link zu Hayek? Ich denke, dass das fehlen von Information ein Aspekt ist. ein anderer ist die Durchsetzbarkeit einer Entscheidung (siehe mein vorheriger Kommentar)
Sehr guter Punkt, dass die Gretchenfrage lautet, wann sind zentrale Entscheidungen besser als crowdige. Konnte leider nur rudimentär wiedergeben, was im Buch beschrieben ist. Dort geht es sehr stark um diese Kriterien.
Es ist beispielsweise ein Kriterium, dass Massen ihre Entscheidungs-Souverenität behalten. Die Masse der Kronen-Zeitungs-Leser sollte folgerichtig wohl besser nicht in Asylfragen entscheiden.