Tony Fricko schreibt in seinem Blog-Eintrag “Wo sind meine Daten ?“: “Enterprise 2.0 ist Web 2.0 hinter der Firewall.”
Auch die Definition von Enterprise 2.0 von Andrew P. McAfee aus dem Jahr 2006 geht vorwiegend auf die verwendeten Werkzeuge ein: “Enterprise 2.0 is the use of emergent social software platforms within companies, or between companies and their partners or customers”.
Es wird die Funktionalität von Suche, Linking, Tagging, etc. in den Vordergrund gestellt (wie auch bei der Definition von “SLATES”). Erst Richter und Koch erweitern diese Definition auf die dem Web 2.0 zugrunde liegenden Konzepte und Vorgehensweisen, die im Unternehmen angewendet werden sollen. Sie messen damit auch dem Begriff “social” eine stärkere Bedeutung bei.
Ich möchte hier den Schritt weiter gehen und die Hypothese aufstellen, dass für ein funktionierendes Enterprise 2.0 – im Sinne eines Unternehmens der zweiten Generation – ausschließlich die sozialen Aspekte der Zusammenarbeit im Web 2.0 und die damit verbundenen Vorgehensweisen wichtig sind.
Die verwendeten Tools (Werkzeuge) geben hier nicht den Ausschlag. Der moderne Volksmund pflegt auch zu sagen: “A fool with a tool is still a fool”. Und gerade im Bereich Enterprise 2.0 ist das Software-Produkt nicht der wichtigste Faktor – es geht um die Arbeits-, Informations- und Kommunikationskultur.
Ähnliche Werkzeuge, die wir sie heute im Web 2.0 kennen, gab es auch schon vorher. Das Internet bietet schon seit vielen Jahren Diskussionsforen (Newsgroups) im Usenet oder Chats mit dem Internet Relay Chat (IRC).
Auch das Prinzip von Wikis ist älter als der Gedanke von Web 2.0 oder gar Enterprise 2.0. So wurde Wikipedia bereits im Januar 2001 gestartet und freute sich massiver Beteiligung, der Begriff Web 2.0 wurde jedoch erst im Dezember 2003 geprägt.
Mit dem Web 2.0 hat sich gar nicht so viel geändert. Zwar hat sich der Fokus vom allgemeinen Internet auf das World Wide Web (siehe Unterschied zwischen Internet und WWW) verlagert, das nun immer mehr Dienste integriert und diese komfortabler über den Browser zur Verfügung stellt – aber nur das und AJAX machen noch kein Web 2.0.
Tim Berners-Lee, der Begründer des WWW, kritisiert sogar den Begriff “Web 2.0″. Für ihn war auch das ursprüngliche Web dafür konzipiert, Menschen zu verbinden. Trotz der Existenz dieser Voraussetzungen hat sich die Idee des Enterprise 2.0 erst langsam durchgesetzt. Und in vielen Unternehmen gibt es sie heute noch nicht.
Nun stellt sich die Frage, was sich im Laufe der Jahre geändert hat, wenn die Technik nicht ausschlaggebend war?
Das Internet und seine Communities mussten erst vorzeigen, was hier an kreativen und innovativen Potential besteht. Wissensspeicher wie Wikipedia haben sich zum De-facto-Standard bei der Recherche hochgearbeitet, gesellschaftspolitische Aktionen werden innerhalb von Tagen oder gar Stunden auf Facebook organisiert, das Marketing hat Twitter entdeckt und Chats ersetzen oftmals sogar das herkömmliche Telefon.
Und die Art der Arbeit hat sich in vielen Bereichen gewandelt. Wir wurden zu “Information Workern”. Hierarchien in Organisationen wurden aufgelöst bzw. flacher. Heute verbringen viele Information Worker etliche Stunden ihrer Zeit mit E-Mails und dem Web anstatt mit dem Diktieren von Briefen. Information wird geholt, verschoben, weitergegeben – und die Menge an Information steigt exponentiell. Mitarbeiter übernnehmen immer mehr (Eigen-)Verantwortung in ihrer Arbeit – die Zunahme von komplexen Tätigkeiten erfordert die Zusammenarbeit in Teams.
Es gibt Home/Tele Working, über den Globus verteilte Teams und auch örtlich flexible Mitarbeiter, die mit Blackberry und Co ständig online sind.
Enterprise 2.0 ist damit ein soziales und gesellschaftliches Phänomen, das sich durch geänderte Arbeitsbedingungen und neue Arbeits- und Denkweisen auszeichnet. Der gesellschaftliche Wandel dauerte einige Jahre und wurde schon mit dem “Web 1.0″ begonnen, doch erst jetzt wird seine Bedeutung im großen Ausmaß wahrgenommen.
Deshalb benötigen Unternehmen, die Web 2.0 Technologien einsetzen wollen, mehr als nur Software. Sie benötigen eine klare Vision über ihre Ziele. Denn ein (fast schon altmodisches) Intranet gibt es heute in fast jedem Unternehmen.
Was wollen sie erreichen?
- Wissensmanagement ?
- Schnellere Kommunikation?
- Selbstorganisierende Team in der internen Organisation?
- Einfacherer Zugang zur Information über ein Portal und Suchmaschinen?
- Oder etwas ganz anderes?
Hierzu gibt es jeweils unterschiedliche Lösungsansätze, die klar formuliert und umgesetzt werden müssen. So kann ein Wiki beim Wissensmanagement helfen, wird jedoch nicht per se die Kommunikation beschleunigen. Und die Eingabe und Pflege von Daten benötigt auch Zeit.
Daher steht ein Unternehmen vor wichtigen Fragestellungen, wie beispielsweise:
- Welchen Nutzen erwarte ich von meiner Investition in Web 2.0 Technologien?
- Unterstützt die “Wisdom of Crowds” überhaupt meine Geschäftsprozesse – oder benötige ich dies in meiner Branche und für meine Aufgaben überhaupt nicht.
- Verträgt meine Firmenkultur und der etablierte Führungsstil die “Graswurzel-Arbeitsweise” des Web 2.0?
Fazit:
Bei der Transformation zu einem Enterprise 2.0 sollte nicht der Einkauf von Software der Auslöser sein, sondern das konkrete Problem, das es zu lösen gilt. Es gibt für Enterprise 2.0 kein Allheilmittel, sondern die Technologie muss entsprechend der Geschäftsprozesse und –ziele, sowie der Firmenkultur eingeführt werden. Die technologischen Fragen lassen sich heutzutage einfach klären und umsetzen.
Jedoch bei der Einführung gibt es auch einiges zu beachten, da der Faktor Mensch große Beachtung verdient – denn er ist es, der das Enterprise 2.0 ausmacht. Aber dazu mehr in einem meiner nächsten Blog-Einträge.


Weitgehende Zustimmung von meiner Seite – ohne eine Anforderungsanalyse (oder zumindest ein paar Gedanken über Ziele, erwarteten Nutzen, Einführungsschritte usw. gemacht zu haben) sollte man nicht wirklich starten.
Das galt aber schon immer, und hat bereits bei der Einführung von ERP-Systemen u.a. die erfolgreichen von den weniger erfolgreichen Projekten unterschieden.
Der Faktor Mensch (bzw. der Faktor "Menschen in Gruppen") ist natürlich im Enterprise 2.0 entscheidend – das sieht übrigens auch Andrew McAfee so, nicht umsonst ist der eigentliche Kern seiner SLATES-Definition der Begriff "emergent", sprich es geht um den "freeform use" von Social Software-Werkzeugen , dieser wird durch die Menschen vereinbart, kreativ interpretiert, in sozialen Prozessen ausgehandelt usw.
Vielleicht sind die eigentlichen Hintermänner der Tool-Fixiertheit ja doch (ich sage mal vorsichtig: manchmal) die Anbieter von (Standard-)IT-Lösungen, die traditionell in Software-Lösungen denken und (wieder vorsichtig gesagt: manchmal) die Änderungsaufgaben in bezug auf U.-Kulturen, -Strukturen und -kompetenzen klein reden …
Grüße,
Martin Koser _ frogpond
Hallo Herr Klein,
ich kann dem ebenfalls nur zustimmen. Der Anteil im Projektbudget für IT-Tools, wird für E2.0 Projekte stark sinken. Wichtiger wird es sein, die organisatorischen und kulturellen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das haben wir bereits in einer 3-teiligen Präsentationsreihe dargestellt (www.besser20.de/english). Leider sieht es in der Praxis anders aus. Oft wird erst die Tool-Entscheidung getroffen und dann erst überlegt, was man damit überhaupt machen möchte bzw. wie man die Mitarbeiter dazu bringt die Anwendung zu nutzen.
Grundsätzlich sollte am Anfang eines solchen Projektes überlegt werden, welche Anwendungsszenarien umgesetzt werden sollen. Auf Basis von Szenarien und den entsprechenden Anforderungen kann dann eine Tool-Entscheidung getroffen werden (siehe Social Software Report von CMSWatch http://www.cmswatch.com). Entsprechend der allgemeinen Anwendungsszenarien können dann konkrete Use Cases definiert werden (z.B. Vertriebsunterstützung, Produktentwicklung, Innovation Management usw.). Am Wichtigesten für die Umsetzung von Use Cases ist, dass diese Mitarbeiter während der täglichen Arbeit unterstützen (und nicht belasten). Das ist dann schon mal ein wichtiger Schritt in Richtung Kulturwandel. Für diese Use Cases sollte auf Standardfunktionalitäten der ausgewählten Software zurückgegriffen werden, die in den meisten Fällen ausreichend sind (und sich nicht in großen Entwicklungsprojekten verlieren).
Soweit die Theorie. Wie gesagt, in der Praxis sieht es oft anders aus.
Ich freue mich über die interessanten Kommentare – und das andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dabei möchte ich auch nicht den Tool-Herstellern den Schwarzen Peter zuschieben, denn es hängt davon ab, was jeder mit seinem "Werkzeug" anstellt. Man kann mit einem Hammer eine Scheibe einschlagen – oder ein Bild aufhängen…
Leider passiert trotzdem allzuoft das, wofür ein Zitat von Paul Watzlawick steht: "Wer als Werkzeug einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel"
)
[...] Knowledgeworker alles was E2.0 bietet? August 17th, 2009 1 Comment Habe mit Interesse die letzten Artikel verfolgt und bereits zwei echt spannende Frühstücksrunden mit euch hinter mir. Es drängt sich [...]
[...] Zielsetzungen der Unternehmensführung. Womit sich der Kreis schließt zum Artikel von Markus Klein [3] und Michael Hafner [...]