Ich bekenne mich dazu: Manchmal lese ich auch „reinrassige“ akademische Journale – nicht zuletzt auch, um zu wissen, wo heute die Theorie steht, wenn ich wieder einmal von einem Kunden für (dessen) praktische Probleme um eine rasche Antwort gefragt werde, die mir eigentlich nicht sofort einfallen will: Vielleicht gibt es ja die „instant Solution“ (noch) gar nicht.http://www.enterprise2punkt0.at/?p=172&preview=true
Die WIRTSCHAFTSINFORMATIK (www.wirtschaftsinformatik.de) gehört als eines der wichtigsten Sprachrohre der deutschsprachigen Wirtschaftsinformatik auch dazu. Und umso überraschter war ich, als ich im Jänner/Februar Heft des aktuellen Jahrgangs 2010 eine längere Abhandlung über die („bitte sich festzuhalten“ – © Wiener Linen) „Organisations- und Technologieoptionen des Geschäftsprozessmanagements aus der Perspektive des Web 2.0“ gefunden habe. Auf 16 Seiten wird da der Frage nachgegangen,
„ob sich die Gestaltungsprinzipien des Web 2.0 auch im betrieblichen Umfeld, insbesondere zur Beherrschung der Dynamik im Prozessmanagement, nutzenbringend einsetzen lassen“.
Spätestens bei dieser Charakterisierung müsste wohl vielen Lesern von enterprise2punkt0.at ganz klar das richtige Schlagwort (oder Tag) vor Augen erscheinen (falls nicht, darf ich gerne auf meine eigene längere definitorische Auseinandersetzung zum Thema verweisen). Alleine, im gesamten Artikel kommt weder der Begriff „Enterprise 2.0“ vor, noch wird auf die Primärliteratur zum Begriff (also den 2006er McAfee Artikel) oder Sekundärliteratur mit diesem Schlagwort verwiesen. Zugegeben: Der Begriff „Social Networking“ wird durchaus öfter erwähnt und zitiert, aber E2.0 fehlt völlig. Nada, Zero, Zilch.Kann es sein, dass hier Wissenschaftlicher E2.0 erforschen und nicht (einmal) wissen, wie das beschriebene bzw. erforschte Phänomen – in anderen Zirkeln – benannt wird?
Die Antwort ist (leider!?) Ja – wie ich nach einem intensiveren Studium fest stellen konnte. Dennoch gibt es ein paar spannende Erkenntnisse aus dem Artikel zu holen:
Organisationsoptionen
Mit anderen Worten: Wenn man Web 2.0 auf die (interne) Organisation eines Unternehmens anwendet (also „E2.0 Technologien“ einsetzt, würde dieser Blog dazu sagen): Was für neue Möglichkeiten ergeben sich?
- Selbstorganisation. E2.0 (die Autoren sprechen im Original natürlich konsequenterweise ausschließlich vom „Web 2.0“) führt zu einer Dezentralisierung von Planungs- und Steuerungsaufgaben, die im Extremfall sogar weitgehend selbst organisiert werden.
- Nutzung der kollektiven Intelligenz. Während im klassischen Prozessmanagement eine kleine Gruppe von Stakeholdern („Prozess Manager“, „Prozess Analytiker“und verwandte Rollen) die ihrer Ansicht nach optimale Struktur der Ablauforganisation fest legen, erzeugen bei E2.0 die direkt am Prozess arbeitenden und handelnden Akteure (das „Prozesskollektiv“) prozessrelevantes aktuelles Wissen.Natürlich wird auch beim klassischen Ansatz mit den eigentlichen Mitarbeitern, die die Prozesse ausführen, gesprochen (typischerweise in Workshops), aber diese Daten sind naturgemäß isoliert und bald nicht mehr aktuell.
Konsequenzen für das Prozessmanagement.
Aus diesen beiden Gestaltungsmöglichkeiten von E2.0 ergeben sich sofort die folgenden nicht-trivialen Konsequenzen für das Prozessmanagement:
- Abkehr vom mechanistischen Organisationsverständnis. Das heißt, E2.0 rückt die starren, vordefinierten und oft ausmodellierten Prozessmodelle der Soll-Prozesse deutlich in den Hintergrund und konzentriert sich auf die tatsächliche Bearbeitung der Ist-Prozesse. Insbesondere bei der Verarbeitung von lokal entstehenden, nicht im schematisierten Prozessmodell ex ante vorhersehbaren Problemen oder Ausnahmezuständen spielt dann E2.0 seine „vollen“ Stärken aus
- Aufhebung der Trennung von Entwicklungszeit und Laufzeit. Eine zeitliche und organisatorische Trennung (also bspw. verschiedene Teams) für die Definition von (Soll-) Prozessen und die effektive Durchführung der Ist-Prozesse kann im Paradigma von E2.0 nicht länger aufrecht erhalten werden.
- E2.0 ist nicht für alle Prozesstypen gleichermaßen anwendbar. Der radikale Einsatz von E2.0 Technologien, also das Ausnutzen aller Freiheitsgrade von E2.0 bei der Definition bzw. dem Ausführen von Geschäftsprozessen, ist sicher nicht für alle Prozesstypen gleichermaßen sinnvoll anwendbar. Prozesse mit einer geringen Dynamik und einem hohen Routinecharakter können und sollten durchaus mehr und früher schematisiert werden als andere Prozesse.
Ich glaube, diese (wissenschaftliche) Analyse spiegelt den aktuellen Stand der Diskussion hier im Blog wieder – aber neu ist daran wohl nichts, oder?
Technologieoptionen
Im Titel werden auch die „Technologieoptionen“ angesprochen, also welche (IT-) technische Möglichkeiten sich für das Prozessmanagement mit E2.0 Technologien ergeben. Das Resultat ist ein wirklich nettes, aber nicht bahnbrechendes oder Paradigmen umstürzendes Beispiel für das Zusammenführen von zahlreichen bekannten Elementen von E2.0 Technologien im Kontext von Prozessdesign und Prozessmodellierung (die Prozessausführung oder die Prozesssteuerung werden technisch nicht abgedeckt):
Kern der Anwendung ist ein System („Collmap“), das die Verwaltung von Prozessmodellen auf Basis eines zentralen Prozess-Repositories für ein Kollektiv von Usern implementiert. Prozessmodelle werden in ARIS oder einem selbst entwickelten „kooperativen Modellierungswerkzeug“ modelliert und dann auf die Plattform gestellt. Was man sich genau unter dieser „kooperativen“ Modellierung vorstellen könnte (also quasi der E2.0 Kern), wird nicht besprochen. Wesentliche Eigenleistung der Plattform ist neben der Zugangsverwaltung die Verwaltung von Tags bzw. einem eigenen Tagging Metamodell, die über Del.ico.us eingegeben werden.
Resumé
E2.0 ist also auch bei den (deutschsprachigen) akademischen Journalen der Wirtschaftsinformatik angekommen. Und auch dieser Wissenschaftszweig bestätigt die Nutzenpotenziale von E2.0, auch wenn er den Begriff derzeit (noch) nicht verwendet, wie sie dieser Blog und viele andere Quellen schon deutlich früher und mit weniger Jargon konstatiert haben.
Das Wichtigste ist aber – und da knüpfe ich viele Hoffnungen als Verfechter von SOA daran – dass heute dieselbe Wissenschaftsdisziplin, die Anfangs der 1990er Jahre die Prozessmodellierung initiiert und damit das formalere BPM begründet haben, sich zunehmend auch den agileren Varianten von Prozessen, den ad Hoc Prozessen, die nicht ex ante strukturiert sind, zuwenden. Nicht als Allheilmittel (nicht überall wo eine ARIS EPK drinnen ist, muss man diese durch E2.0 ersetzen), sonder als ernsthafte Alternative für wenig strukturierte Abläufe.
Und das macht E2.0 heute zur möglicherweise einzigen viablen (Verzeihung für den Jargon) Ergänzung zum klassischen Prozessmanagement – oder fällt ihnen noch etwas anderes ein?

