Semantik, Romantik, oder Produktivitätsfalle?

Ich würde ja lieber vergessen. Und das wichtigste Prädikat von Information ist für mich: Kann gelöscht werden.
Alles wird gut, kündigen Semantic Web- und Wissensmanagement-Gurus gerade im Enterprise 2.0-Kontext schon seit längerem an. Mit Tips, die – mit Verlaub – manchmal an Gedächtnistraining für Senioren erinnern, wird mit den Desktops und Datensilos dieser Welt aufgeräumt.
Vielleicht verstehe ichs ja nicht. Es ist schon klar, dass semantische Technologien Zusammenhänge leichter sichtbar und haltbarer machen – wenn sie einmal hergestellt wurden.
Statt Ablagesystemen werden Tagging-Logiken und Taxonomien entwickelt, statt Ordnernamen müssen sich User Schlagworte (und deren Schreibweise) merken.
Die Zusammenhänge bringen einen effizienteren Umgang mit Information: Ich kann mich mit weniger Aufwand an Zusammenhänge erinnern. Will ich das? Grundsätzlich bin in ich eher an Lösungen und Entscheidungen interessiert als an Information. Beides braucht natürlich Information – mit einem endlosen Mehr davon werden Entscheidungen aber weder besser noch schneller: Mehr Information bedeutet mehr Optionen und mehr Aufwand.
Ein zweiter Einwand: Ist Semantik mehr als eine Gedächtnisstütze? Zusammenhänge die ich einmal hergestellt habe, kann ich später leichter wieder aufrufen. Ich kann auch von anderen hergestellte Zusammenhänge nutzen. Der kollektive Aspekt hat stark ausgleichende Wirkung: Die Meinungen vieler bilden den Durchschnitt ab, nicht Innovation. Das macht semantische Technologien für mich zu einer der treibenden Kräfte der Informationsentropie: Immer mehr Leute reden immer öfter vom Gleichen. Das ist gut für den Weltfrieden und Sachbearbeiter, aber nicht für Wissensarbeiter, Kreation und Innovation.
Ein dritter Punkt: Aktuell, wichtig und dringend sind (neben “kann gelöscht werden”) weitere wichtige Eigenschaften von Information. Meine persönliche Informationsverarbeitung richtet sich auch vorrangig nach diesen Kategorien. – Dagegen könnte man jetzt einwenden, dass das eher Eigenschaften von Tasks als von Information sind. Information in der Organisation sehe ich aber immer als mit Zwecken verbunden – ansonsten sind es bloss Daten. Tools vergessen nicht – und stellen semantische Zusammenhänge auch dann her, wenn sich Prioirtäten und Inhalte schon lang verändert haben.
Und dann ist da noch die Sache mit der Information, die über das Problem von Flut vs. Filter hinausgeht: Ich brauche nicht nur die Zeit, alles gefundene auch zu lesen und zu verarbeiten – ich muss es wirklich lesen. Und verstehen, Und in enen produktiven Zusammenhang setzen. Und etwas was daraus machen.
Semantiker erinnern mich manchmal an die Informationssammler, die mit imer mit drei dicken Ordnern (die cooleren mit einem fünfzehn Zentimeter dicken Stapel loser Ausdrucke) durchs Unternehmen laufen, zu jedem Thema eine Anekdote haben – aber auf nichts eine Antwort.

Und trotzdem tagge ich alle meine Notizen in Evernote, vergebe Tags im Google Reader, werde die Cluug-Lizenz ausprobieren und erkläre Kollegen immer wieder, warum wir Tags im Intranet eingeführt haben – auch wenn sich an der Frage bis dato wenig geändert hat: “Und was bringt mir das?” (Für weitere Antwortvorschläge auf diese Frage bin ich übrigens dankbar… :)

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6 Responses to “Semantik, Romantik, oder Produktivitätsfalle?”

  1. Hi Michael,

    finde ich interessant die Betrachungsweise, auch wenn dein Artikel jetzt auch noch mehr “Information” ist und ich ihn lesen “muss” :) .

    Ja, Semantik ist so eine Frage. Ich sehe es aber so, dass der einfachere Zugang zum Erstellen von Information (wie z.B. hier im Blog), die Experten dazu bringt, ihre Gedanken und Wissen leichter zu teilen und so “teilen” mehr Wissende ihr bereits mit vielen Informationen bespiktes Wissen.

    Dass es natürlich viele Kopierer gibt, wissen wir auch, die helfen aber wiederum einen gewissen “Wert” auf Wissen zu verteilen, weil ein oft kopierter Artikel musst besser/informativer sein, als ein nie ge”shared”ter, oder?

    Und zu guter Letzt hilft eine gute Suche (z.B. google) zumindest in gewisser Weise gefiltert auf eine große Menge Wissen zu zugreifen, wenn die auch noch mit dem Social-Value kombiniert wird, dann werden die Ergebnisse als gefilterter Blick auf viele Informationen wieder zu einer Unterstützung von Entscheidungen. Das trifft natürlich eher auf unstrukturierte Informationen zu und weniger auf strukturierte Daten aus Unternehmen.

    Ich hoffe, dass semantische Technologien diesen gefilterten Blick auf Information verbessern und erleichtern, eine finale Lösung sind sie sicher nicht.

    mfg kms

  2. Am besten gefällt mir der Satz “Immer mehr Leute reden immer öfter vom Gleichen”. Ja, du hast recht damit. Die einfachste Überprüfung kannst du bei RSS Feeds von Webseiten machen. Ein und dieselbe Information wird innerhalb kürzester Zeit in dutzenden Seiten vervielfältig und angereichert.

    Mein größestes Problem ist es mittlerweile jene Seiten zu identifizieren, die wirklich “unique” Content liefern und nicht nur von anderen kopieren. Übrigens eines der größten Probleme im “News” Bereich wo immer mehr immer weniger eigenen Content schreiben.

    Dein Vergleich von Tags und Ordnernamen ist grundsätzlich zulässig, wenn auch provokant. Meine Diskussionen mit Leo Sauermann zu diesem Thema (Semantic Desktop) kreisten ebenfalls darum, dass durch die fortschreitende Technologie und Services Unzulänglichkeiten der Vergangenheit behoben werden.

    Beispiel: Das Nepomuk Projekt von Leo Sauermann versuchte noch Metainformationen aus Dateien zu extrahieren und zusätzlich Schlagworte zu einer Datei zu speichern. Danach folgten moderne Services wie z.B. Amazon S3 die es erlauben direkt Metadaten und Tags mitzuspeichern. Ordner gibt es dort eigentlich auch nicht mehr.

    Wie finde ich persönlich Informationen? Tags? Ja, schreibe ich meisten zu meinen Infobits, aber suche gehe ich über meine Desktop Suchmaschine. Und ehrlicher Weise suche ich selten nach Tags sondern nach Inhalte, die ich mich erinnere.

  3. Leo Sauemann says:

    Gute Fragen! Eine Gegenfrage zur Illustration – “was bringt mir ein Computer?” Wenn ich doch eigentlich um Antworten zu bekommen mein Netzwerk anrufen könnte. Das würde auch gleich eine Reaktion auslösen und Kontakte pflegen. Und die 15cm Papierstapel sind auch fein, da findet man wenigstens alles schneller.

    Ich hole etwas weiter aus, vielleicht veröffentliche ich den Kommentar auch nochmal bei uns:

    Ich umschreibe mal obige Frage nach “brauch ich Semantik?” als: brauche ich ein Digitales System das mir beim Verwalten meiner eigenen Daten hilft? Auf beide Fragen lautet die Antwort: JA.

    Die Semantik – Deutsch “Bedeutung” – macht es möglich, das ich verschiedene Software-Systeme koppeln kann um mehr Unterstützung zu bekommen. Heute ist es nicht kosteneffizient, ein System zu bauen dass die Entscheidung “kann gelöscht werden” treffen kann. Mit einem persönlichen Informationsmodell und semantischer Annotation und Integration in existierende Anwendungen (das in etwa macht Cluug.com) ist es aber möglich, so ein “löschen oder do ned” System in Zukunft zu bauen.

    D.h. die Semantik bringt mir – anfangs – goar nix. Langfristig ist der Umstieg auf Semantische Systeme (Semantic-Web Standards, standardisierte Datenschnittstellen) aber genauso essentiell wie die Umstellung von Papierbasierten Systemen auf digitale Systeme. Oder wie der Buchdruck. Oder das WWW.

    Für Software und Hardware-Hersteller ist bereits klar, das besser integrierte Systeme Kosten sparen, Zeit sparen, und einfacher und benutzerfreundlicher sind. Nur brauchts halt Zeit, bis die Budgets von der Wartung bestehender Systeme langsam zum Einsatz besserer Systeme wandern.

    Für Software und Hardware-Hersteller die bereits ihre Kunden in “walled gardens” gefangen haben ist aber auch klar, das sie keinen Finger rühren werden, standardisierte Datenschnittstellen anzubieten wenn ihnen das den Monopolistischen Gewinn ankrazt. Das iPhone hat nicht ohne Grund kein echtes Bluetooth, Flash, oder Anwendungen die der Anwender einfach so installieren kann. Es braucht einfach 5 Jahre bis ein Konkurrent einen derartigen Markt knacken kann – genau die gleiche Situation bei Microsoft/CRM/Sharepoint oder anderen Anbietern.

    Ich als Anbieter semantischer Systeme stehe bei Apple vor geschlossenen Türen, während Android mir alles offen legt… da mussten wir eben warten.

    Die ganze Diskussion ist insofern mühsam, weil wir seit 1945 bereits wissen was wir brauchen (damals erschien der MEMEX Artikel der Fax, WWW, und Web 2.0 vorweggenommen hat). Eh kloar, wir brauchen Fax, WWW, und Web 2.0, – no na ned, das wissen wir seid 1945. Es braucht aber 100 Jahre bis die Technologien gebaut werden um das zu erreichen. Es braucht auch einen O’Reilly um das offensichtliche als “web 2.0″ zu bezeichnen – wir sind Menschen, alles braucht seine Zeit. Kritik an den heutigen Systemen ist eigentlich Kritik daran, dass es zu langsam geht, aber diese Kritik prallt wohl langfristig an der Geschichte ab. Tim Berners Lee hat 5 Jahre gebraucht um Menschen von WWW zu überzeugen, heut ist mit dem WWW ein Billiardenbusiness verknüpft. Es ist traurig zu sehen, wie lange es hier gedauert hat um den offensichtliche Vorteilen des WWW zum Durchbruch zu helfen. No na, eh kloar – WWW – was sonst? Fidonet?

    Tim Berners-Lee hat 1990 bereits vom Semantic Web gesprochen, es hat aber 10 Jahre gedauert bis RSS feeds standardisiert wurden. RSS feeds sind unbestritten das Rückrat des Web 2.0, weil erst dieser Standard ermöglichte, den User Generated Content zu indizieren. Wie gesagt – im nachhinein sagt jeder “RSS – no na ned brauch ma des”. Das aber RSS ein Semantic Web Standard war und zuerst über RDF/Netscape standardisiert wurde, dass vergisst man absichtlich. Ich würde RSS auch nicht als “romantisch/verklärt” bezeichnen :-)

    Genau das gleiche beim persönlichen Informationsmanagement: wir wissen seit 1980 (damals programmierte Tim Berners-Lee ein “semantisches Informationssystem” Enquire für sich selbst) dass man Kategorien (Tags) wohl sowohl im E-Mail client, in der Desktopsuche, in der Unternehmenssuche und im Web verwenden sollte. Wir wissen auch, dass diese Tags in allen Anwendungen das gleiche bedeuten (“Privat”, “Arbeit”, “Projektskizze CID” heißen für mich immer das gleiche, egal wo). Es ist offensichtlich das man hier semantische integrieren kann. Solange aber derartige Systeme nicht verfügbar sind, und solange Konsumenten geduldig genug sind, die gleichen Kategoriesysteme mühsam in allen Anwendungen neu einzugeben, bleibt die Umsetzung von Semantischen Systemen langsam.

    Ich erwarte das wir bald ein Bier trinken und “no, na, ned – eh kloar das das gekommen ist” sagen können :-) Geschichtlich sagt man, man braucht 20 Jahre abstand von den Ereignissen. den Semantic Desktop habe ich 2003 zuerst veröffentlicht – also … 2023 wäre ein guter Blickpunkt für den Rückblick auf heute.

    wir brauchen nicht solange warten – die Bücher “Total Recall” von Gordon Bell und Jim Gemmel und “PULL” von “David Siegel” erklären das ganze recht gut.

  4. Leo Sauemann says:

    weiterer Versuch einer Antwort auf “was bringen mir Semantic Web Standards” hier:
    http://www.gnowsis.com/about/blog/2010/08/13/its-about-time-leave-your-box-follow-links

  5. homag says:

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